Lies zu diesem Thema auch den Blogartikel „Slow Food: Das Kochen zelebrieren“
Achtsames Essen fördert Zufriedenheit, Wertschätzung und innere Ruhe. Lasst uns einen Blick darauf werfen, wie wir den Akt der Nahrungsaufnahme bewusster und liebevoller gestalten können.
Der Stress moderner Lebensstile führt dazu, dass wir unsere Beziehung zur Nahrung immer mehr verlieren. Gerichte bewusst zuzubereiten und aufzunehmen hilft, diese Verbindung wiederherzustellen und den Moment des Essens als ganzheitliches, vielleicht sogar sinnliches Erlebnis zu erfahren.
Achtsames Essen braucht Zeit
Es mag nicht immer einfach und an vielen Tagen gar unmöglich sein, seine Nahrung ganz bewusst und ohne Hektik zuzubereiten. Denn wie ich schon im Artikel zum Thema Slow-Food-Kochen anmerkte: Wer hat schon Muße, nach einem langen Arbeitstag noch zwei Stunden in der Küche zu stehen?
Hier zeigt sich vielleicht auch recht deutlich, dass Slow Living ein ganzheitliches Konzept ist und einige Punkte erst dann in die Umsetzung gelangen können, wenn andere Bereiche des Lebens angeschaut und bearbeitet wurden. Vielleicht müssen wir uns erst einmal grundsätzliche Gedanken darüber gemacht haben, wie wir unsere Zeit bisher verbracht haben und wie wir sie im Sinne eines langsameren, achtsameren, reduzierten Lebens besser gestalten können, um in der Folge mehr Raum für gesunde Nahrung und eine gesunde Zubereitung zur Verfügung zu haben. Unterstützung bieten dir hier hoffentlich einige Aspekte aus den anderen Blogartikeln auf Leiser Leben.
Generell gilt: Wie auch immer die Zubereitung sich gestaltet – zumindest für den Akt der Nahrungsaufnahme, das Essen selbst, sollten wir uns, wann immer es irgend möglich ist, ausreichend Zeit nehmen.
Ein Experiment: Essen in Stille
Allzu oft nehmen wir unsere Mahlzeit vor einem Bildschirm ein oder üben uns während des Essens gemeinsam mit anderen in Smalltalk. Das mag schön und einfach sein – und es hat sicherlich auch seinen Platz und seine Berechtigung. Wollen wir jedoch ein Wagnis eingehen und uns trauen, etwas Neues zu probieren, können wir zum Beispiel einmal schauen, wie es sich anfühlt, in Stille zu essen.
Alleine oder gemeinsam – macht einfach mal das Experiment, eure Nahrung in möglichst lautloser Atmosphäre und in Schweigen einzunehmen. Es muss ja nicht gleich zur täglichen Routine werden, aber traut euch einfach mal, diesen Versuch einzugehen und schaut, was in euch dabei vorgeht und vor allem, ob und inwiefern sich der Akt der Nahrungsaufnahme anders anfühlt.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass es durchaus einiges an Überwindung kosten kann, während des Essens in Stille zu verweilen, wobei ich mich nicht genau entscheiden kann, wann es schwieriger ist – wenn man alleine isst oder zu mehreren.
Stille kann herausfordernd sein. Der Geist hat dann keine Ablenkung, und je untrainierter er ist, desto weniger gerne mag er solche Momente.
Allerdings ist es unbestreitbar so, dass das Essen sehr viel mehr wahrgenommen und genossen (geschmeckt, gefühlt, gesehen) werden kann, wenn man in Schweigen isst. In Klöstern wird dies übrigens häufig so praktiziert.
Ist euch die Praxis des In-Stille-Essens zu experimentell, mag es vielleicht lohnend erscheinen, während der Mahlzeiten zumindest Themen zu vermeiden, die allzu ernst sind und das Stresssystem aktivieren.
Die Sinne mit einbeziehen
Achtsames Essen – das kann auch bedeuten, ganz bewusst alle Sinne einzubeziehen: den Duft der Speisen wahrzunehmen, die Texturen auf der Zunge zu spüren und die Farben der Zutaten zu bemerken. Diese Praktik hilft, die Beziehung zur Nahrung zu vertiefen.

Da ich leidenschaftlicher Teetrinker bin, weiß ich, dass man sich darin schulen kann, seine Sinne gezielt einzusetzen, so dass man mit der Zeit immer besser darin wird, verschiedene Geschmacksnuancen klar herauszufiltern. Das kann sogar richtig Freude machen! Genau so, als würde man einen guten Wein verkosten… 🙂
Fürsorge und Dankbarkeit
Nahrung ist übrigens oft mit Erinnerungen und Emotionen verbunden. Achtsames Essen schafft Raum, diese Verbindungen zu würdigen und das Essen nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Akt der Fürsorge für sich selbst und andere zu betrachten.
Auch mit dem (gemeinsamen) Essen verbundene Rituale sind eine schöne Möglichkeit, das Bewusstsein für das zu schärfen, was man gerade tut, und vielleicht sogar mehr Dankbarkeit über das Vorhandensein der Nahrung an sich zum Entstehen zu bringen. Das Entzünden einer Kerze oder ein kurzes Innehalten vor der Nahrungsaufnahme seien hier als inspiratives Beispiel genannt. Vielleicht fallen euch ja noch andere schöne Dinge ein.
Ein buddhistisches Tischgebet
Ich persönlich habe eine Affinität zum Buddhismus, und so empfinde ich zum Beispiel das Tischgebet, das mich der buddhistische Mönch Shi Miao Dao1 gelehrt hat, als große Bereicherung und Stütze, um innezuhalten, im gegenwärtigen Moment anzukommen und mich vor und während des Essens auf meine Grundsätze zu besinnen. Hier findest du das Tischgebet einmal auf Deutsch übersetzt (wir rezitieren es in der Regel auf Pali):
“In weiser Betrachtung will ich diese Speise zu mir nehmen,
nicht zum Spaß,
nicht wegen des guten Geschmacks,
nicht um dick zu werden,2
nicht zur Verschönerung meines Körpers,
sondern einzig, um diesen Körper lebensfähig zu halten,
ohne dabei neue Begierden entstehen zu lassen oder mich zu überessen,
Auf diese Weise erhalte ich mich in tadelloser Weise und lebe ohne Not.” 3
Diese Rezitation, die der Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren bereits seinen Mönchen empfohlen hat, spricht sicherlich nicht jeden an, und um sie in der Tiefe zu erklären, wäre wohl ein separater Blogbeitrag notwendig. Doch sie soll hier auch mehr als Beispiel dienen, wie die achtsamkeitsfördernden Routinen rund um die Nahrungsaufnahme aussehen können.
Letztendlich ist auch Achtsames Essen – oder zumindest der Weg dorthin – ein Prozess; etwas, das Zeit braucht und das man wollen und an das man sich ein bisschen gewöhnen muss, damit es verinnerlicht werden kann.
Glück und Wertschätzung
Ich weiß noch, wie befremdlich ich es zu Beginn fand, vor dem Essen die obige Rezitation zu sprechen. Ich hatte keinen Bezug dazu und obendrein Sorge, dass das Essen kalt wird, wenn ich auch noch Zeit mit innerer Sammlung verbringe – ich dachte bei mir, „Dankbarkeit ist gut, aber jetzt möchte ich erst einmal essen, bevor es kalt wird, und nicht noch lange kontemplieren!“.
Heute hingegen fühlt es sich für mich fast ungewohnt an, wenn ich beispielsweise irgendwo zu Gast bin und dort sofort angefangen wird zu Essen, ohne einen kleinen Moment lang innezuhalten. Ich vermisse es dann regelrecht, kurz in innerer Zentriertheit und Dankbarkeit zu verweilen.

Denn schließlich ist die Nahrung, die auf meinem Teller liegt, durch so viele arbeitende Hände gegangen, hat Naturressourcen und anderer Menschen Mühe und Zeit gekostet, und sie nährt und stärkt mich. Obendrein empfinde ich es immer wieder als sehr besonders und berührend, dass ich so viel Glück habe, keinen Hunger leiden zu müssen. Allzu viele Menschen auf dieser Welt erleben täglich das Gegenteil.
So könnte man wohl fortfahren. Dennoch möchte ich hier schließen, denn im Grunde genommen ist alles Wesentliche vermittelt. Vielleicht habt ihr ja den einen oder anderen Impuls mitnehmen und euer Bewusstsein für achtsames Essen schärfen können – das würde mich sehr freuen! 🙂 Teilt, wenn ihr mögt, in der Kommentarspalte auch gerne eure Erfahrungen mit mir.
♥, Meike
- Quelle: Shi Miao Dao: ”Erkenntnis durch Meditation der Liebenden-Güte”, Tredition Verlag 2023, S. 330 ↩︎
- Dick zu sein war zu Zeiten des Buddha ein Zeichen von Wohlstand und ein Statussymbol. ↩︎
- Quelle: Theragatha V. 983 ↩︎
Bildquellen: neciodesalida auf Pixabay, Fanny Acuña auf Pixabay, Bild Mariya Muschard auf Pixabay, congerdesign auf Pixabay












