Schlagwort: Slow Food

Slow Food: Langsames, achtsames Essen; der bewusst wahrgenommene Akt der Nahrungszubereitung – um all das geht es hier. Lass dich inspirieren!

  • Cha Dao – Der Weg des Tees

    Cha Dao – Der Weg des Tees

    Kommt mit auf eine spannende Reise in die zauberhafte Welt der ostasiatischen Teekultur und lernt Tee neu kennen – als „Cha Dao“, einen Weg zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Alltag.

    Der Dampf steigt aus der kleinen Kanne auf, während ich das Wasser über die Blätter gieße. Sofort öffnet sich ein Duft, warm und vielschichtig, als würde der Tee selbst zu atmen beginnen.
    Ich gieße den Tee in die Schale, halte sie in beiden Händen, spüre die Wärme im Porzellan und nehme den ersten Schluck. Er ist weich, lebendig, fast wie eine fließende Landschaft… Für einen Moment wird alles still: es gibt nur den Tee, den Duft und diesen einen gegenwärtigen Augenblick.

    In unserer westlichen Welt ist Tee zwar ein beliebtes Getränk, jedoch wird dem Akt der Zubereitung eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Teebeutel sind oft das Mittel der Wahl, und aufgegossen wird meist in klassischen Thermoskannen o.ä. Das geht schnell und einfach, und genau das soll es für viele auch sein.

    Ich möchte hier von einer anderen Art erzählen, Tee zuzubereiten und zu konsumieren – einer Art, die inspiriert ist von der wunderbaren, jahrtausendealten Teekultur Asiens. Dort hat der Tee, genauer gesagt die Teepflanze (Camellia sinensis), eine enorme wirtschaftliche, kulturelle und spirituelle Bedeutung.

    Wenn man in Asien von Tee spricht, sind nicht unbedingt verschiedene Kräutertees gemeint, wie es hierzulande oft der Fall ist, sondern vielmehr eine ganz bestimmte Pflanze – die Teepflanze, Camellia sinensis, aus der nicht nur grüner, sondern auch weißer, gelber und schwarzer Tee sowie Oolong und fermentierter Tee (z.B. Pu Erh Tee) gewonnen werden.

    Teepflanze, Teegarten
    Die Teepflanze (Camellia sinensis) – Teegarten

    Bevor ich begann, mich intensiv mit Tee auseinanderzusetzen, war mir gar nicht bewusst, dass all diese bekannten Tees, ob z.B. grün oder schwarz, aus ein- und derselben Pflanzenart stammen.

    In Ostasien kennt man kaum Literaufgüsse, wie es hierzulande verbreitet ist. Der Tee wird dort vielmehr in sehr kleinen Mengen, dafür jedoch öfter (bis zu sechsmal oder häufiger) aufgegossen. Durch die höhere Blatt-Wasser-Konzentration entsteht ein wesentlich intensiveres Geschmacksprofil und in jedem Aufguss dominiert eine andere Note. Auf diese Weise kann der Teegenuss zu einer wahren Sinnesreise werden.

    Teezubereitung als stille Praxis

    Die Teezubereitung beginnt im Grunde genommen mit ein paar sehr einfachen Handlungen: Wasser wird erhitzt, Blätter werden aufgegossen, eine Schale wird in die Hände genommen. Wie bereits angedeutet, ist dieser Moment in vielen Kulturen Ostasiens jedoch mehr als die bloße Zubereitung eines Getränks. Er kann zu einer stillen Praxis werden, zu einer Form der Sammlung.

    Deshalb sprechen manche vom „Weg des Tees“, in China bezeichnet als Cha Dao (茶 chá = Tee; 道 dào = Weg, Prinzip, Lehre, Methode, auch Lebensweg) – ein Begriff, der weniger eine feste Lehre beschreibt als eine Haltung gegenüber dem Moment.

    Teegeschirr asiatisch
    typisch asiatische Teekeramik: eine kleine Teeschale mit einem sog. „Houhin“

    Die ostasiatische Methode der Teezubereitung eignet sich besonders gut für die innere Sammlung, weil sie ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit verlangt. Die Blätter entfalten sich im Wasser, der Duft steigt langsam auf, und der Geschmack entwickelt sich Schicht für Schicht. All diese kleinen Ereignisse haben das Potenzial, eine erstaunliche Tiefe zu offenbaren, und wer sich darauf einlässt, beginnt automatisch langsamer, aufmerksamer, ruhiger zu werden.

    Gong Fu Tee – tausend Facetten

    Eine bekannte Form dieser achtsamen Zubereitung ist die in China praktizierte Methode des Gong Fu Cha. Dabei werden die Blätter der Teepflanze in kleinen Gefäßen zubereitet, oft in einem Gaiwan (chinesische „Deckeltasse“) oder einer sehr kleinen Kanne. Die Menge der Blätter ist im Verhältnis zur Wassermenge relativ groß, die Aufgüsse sind kurz (oft nur wenige Sekunden lang), und derselbe Tee wird mehrfach aufgegossen. Jeder Aufguss zeigt eine neue Facette: einmal treten florale Noten hervor, dann eine weiche Süße, später vielleicht mineralische oder röstige Nuancen. Das Trinken wird zu einer langsamen Abfolge von Begegnungen mit ein- und demselben Tee.

    Gong Fu Teezeremonie
    Klassische Utensilien für eine chinesische Teezeremonie

    Diese Form des Teetrinkens wirkt fast wie eine Meditation mit einer relativ festgelegten Abfolge von Handlungen. Gefäße werden erwärmt, Wasser wird eingeschenkt, die Tassen werden gefüllt.

    Zwischen den Aufgüssen entstehen kleine Pausen. In diesen Momenten geschieht nichts Spektakuläres, und gerade darin liegt ihre Wirkung. Die Aufmerksamkeit sammelt sich, Gedanken treten in den Hintergrund, und der Tee wird zum Mittelpunkt einer stillen Erfahrung.

    Hier könnt ihr einen kleinen Einblick gewinnen:

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    Kurzer Eindruck einer Gong-Fu-Session

    Die Teepflanze (aus der die verschiedenen Teesorten hervorgehen, wie wir bereits gelernt haben) eignet sich besonders gut für die chinesische Gong-Fu-Methode. Theoretisch kann natürlich auch Kräutertee in kleinen Kannen bzw. Mengen wiederholt aufgegossen werden, jedoch wird man kaum eine vergleichbare Sinnesreise erleben wie bei der Teepflanze selbst.
    Darüber hinaus besitzt die Teepflanze auch gewisse Stoffe, die passionierte Teetrinker ihrer Wirkung wegen sehr schätzen. Neben Koffein sei hier L-Theanin genannt. Diese beiden (und weitere) Stoffe in Kombination sind für die typische „entspannte Klarheit“ verantwortlich, die sich während des Teegenusses einstellt. Koffein weckt, während L-Theanin eine beruhigende Wirkung hat (vereinfacht dargestellt).

    Bowl Tea – Einfachheit und Tiefe

    Doch der Weg des Tees muss nicht immer mit einer ausgearbeiteten Methode verbunden sein. Es gibt auch eine sehr viel einfachere Form des Teetrinkens, die in China seit Jahrhunderten verbreitet ist. Man nimmt eine Schale oder ein Glas, gibt einige Teeblätter hinein und gießt heißes Wasser darüber. Die Blätter sinken, steigen wieder auf, entfalten sich langsam. Diese schlichte Art wird manchmal als Bowl Tea oder als freies Teetrinken bezeichnet.

    Gerade diese Einfachheit besitzt, wie ich finde, eine eigene Schönheit. Es gibt kein Zubehör, wie es beim Gong Fu Tee der Fall ist, keine vorbereitenden Schritte, keine besondere Technik. Man beobachtet einfach, wie sich der Tee entwickelt. Mit jedem Nachgießen verändert sich der Geschmack leicht, während die Blätter weiter arbeiten. Das Trinken wird zu einem ruhigen Begleiten dieses Prozesses.

    Bowl Tea
    Bowl Tea

    Viele Menschen empfinden genau diese Form als besonders meditativ. Die Schale in den Händen zu halten, den aufsteigenden Duft wahrzunehmen und die Blätter im Wasser treiben zu sehen kann eine erstaunlich beruhigende Wirkung haben. Der Tee verlangt nichts – außer Aufmerksamkeit. Er entsteht einfach aus der Begegnung von Wasser und Blatt.

    In dieser Hinsicht unterscheiden sich die beiden Formen, Gong Fu und Bowl Tea, weniger, als es zunächst scheint. Die eine ist präziser und strukturierter, die andere freier und unmittelbarer. Doch beide führen zu einer ähnlichen Erfahrung: Sie verlangsamen den Moment, schaffen Raum für Wahrnehmung und erinnern daran, dass selbst einfache Handlungen eine große Tiefe besitzen können.

    Die japanische Teezeremonie

    Die japanische Teezeremonie, (茶道, Sadō oder Chadō), ist im Vergleich zur chinesischen Gong-Fu-Methode eine stärker ritualisierte Form, für die der bekannte Matcha-Tee verwendet wird. (Matcha ist pulverisierter Grüntee. Ihr seht: auch hier kommt wieder die Teepflanze zum Einsatz. 🙂 )

    Diese wunderbare, aus vielen sehr genau festgelegten Schritten bestehende Zeremonie entwickelte sich maßgeblich unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus und erreichte ihre klassische Form im 16. Jahrhundert durch den Teemeister Sen no Rikyū.

    Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Zubereitung des Tees, sondern vor allem Haltung und Atmosphäre: Ruhe, Achtsamkeit und respektvolle Begegnung. Jede Bewegung ist bewusst gestaltet, sodass die gemeinsame Teestunde zu einem Moment konzentrierter Gegenwärtigkeit wird. In diesem Video findet ihr einen ersten Eindruck:

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    Ein kleiner Nachteil ist, dass die japanische Teezeremonie sich nicht so einfach umsetzen lässt wie die Methoden, die z.B. in China und Korea (sich sehr ähnelnd) vorherrschen. Für die japanische Teezeremonie braucht es zwingend ein Gegenüber und am besten einen erfahrenen Meister. Und den findet man hierzulande wahrlich selten… Falls ihr Interesse an einer japanischen Zeremonie habt, werdet ihr jedoch zum Beispiel hier fündig.

    Sich ganz dem Moment widmen

    Für mich liegt die eigentliche Bedeutung von Cha Dao, von Tee als Weg, nicht primär in der Perfektion der Technik, sondern in der Qualität der Gegenwart. Obwohl man durchaus argumentieren könnte, dass das eine das andere hervorbringt.

    Wie dem auch sei… Jedenfalls gilt: Ob man mehrere kleine Aufgüsse in ruhiger Folge zubereitet („Gong Fu Cha“) oder einfach eine Handvoll Blätter in eine Schale legt („Bowl Tea“) – der entscheidende Schritt ist derselbe. Man hält inne und widmet sich für eine gewisse Zeit ganz dem, was gerade geschieht.

    Sich dem Tee zu widmen, führt den Geist zurück in den gegenwärtigen Augenblick.

    Für viele haben sich Teezubereitung und -genuss dadurch zu einer Art Mini-Auszeit vom Alltag entwickelt. Sich dem Tee voll und ganz zu widmen, führt den Geist zurück in den gegenwärtigen Augenblick.

    Gong Fu Cha
    Teezubereitung in einem chinesischen Gaiwan

    Und so beginnt Cha Dao, der Weg des Tees, genau dort, wo eine Tasse Tee bereitet wird: In der Sorgfalt einer Gongfu-Sitzung ebenso wie in der schlichten Geste, einige Blätter in eine Schale zu legen und Wasser darüber zu gießen. Aus dieser Einfachheit entstehen Momente der Ruhe und Aufmerksamkeit, die ein wenig von jener stillen Klarheit schenken, die so viele Menschen suchen.


    Bilder von Pexels, mirkostoedter und Tianrun auf Pixabay, Wikipedia sowie aus eigenem Archiv.

  • Slow Food: Achtsames Essen

    Slow Food: Achtsames Essen

    Lies zu diesem Thema auch den Blogartikel „Slow Food: Das Kochen zelebrieren“

    Achtsames Essen fördert Zufriedenheit, Wertschätzung und innere Ruhe. Lasst uns einen Blick darauf werfen, wie wir den Akt der Nahrungsaufnahme bewusster und liebevoller gestalten können.

    Der Stress moderner Lebensstile führt dazu, dass wir unsere Beziehung zur Nahrung immer mehr verlieren. Gerichte bewusst zuzubereiten und aufzunehmen hilft, diese Verbindung wiederherzustellen und den Moment des Essens als ganzheitliches, vielleicht sogar sinnliches Erlebnis zu erfahren. 

    Achtsames Essen braucht Zeit

    Es mag nicht immer einfach und an vielen Tagen gar unmöglich sein, seine Nahrung ganz bewusst und ohne Hektik zuzubereiten. Denn wie ich schon im Artikel zum Thema Slow-Food-Kochen anmerkte: Wer hat schon Muße, nach einem langen Arbeitstag noch zwei Stunden in der Küche zu stehen?  

    Hier zeigt sich vielleicht auch recht deutlich, dass Slow Living ein ganzheitliches Konzept ist und einige Punkte erst dann in die Umsetzung gelangen können, wenn andere Bereiche des Lebens angeschaut und bearbeitet wurden. Vielleicht müssen wir uns erst einmal grundsätzliche Gedanken darüber gemacht haben, wie wir unsere Zeit bisher verbracht haben und wie wir sie im Sinne eines langsameren, achtsameren, reduzierten Lebens besser gestalten können, um in der Folge mehr Raum für gesunde Nahrung und eine gesunde Zubereitung zur Verfügung zu haben. Unterstützung bieten dir hier hoffentlich einige Aspekte aus den anderen Blogartikeln auf Leiser Leben.  

    Generell gilt: Wie auch immer die Zubereitung sich gestaltet – zumindest für den Akt der Nahrungsaufnahme, das Essen selbst, sollten wir uns, wann immer es irgend möglich ist, ausreichend Zeit nehmen. 

    Ein Experiment: Essen in Stille

    Allzu oft nehmen wir unsere Mahlzeit vor einem Bildschirm ein oder üben uns während des Essens gemeinsam mit anderen in Smalltalk. Das mag schön und einfach sein – und es hat sicherlich auch seinen Platz und seine Berechtigung. Wollen wir jedoch ein Wagnis eingehen und uns trauen, etwas Neues zu probieren, können wir zum Beispiel einmal schauen, wie es sich anfühlt, in Stille zu essen. 

    Alleine oder gemeinsam – macht einfach mal das Experiment, eure Nahrung in möglichst lautloser Atmosphäre und in Schweigen einzunehmen. Es muss ja nicht gleich zur täglichen Routine werden, aber traut euch einfach mal, diesen Versuch einzugehen und schaut, was in euch dabei vorgeht und vor allem, ob und inwiefern sich der Akt der Nahrungsaufnahme anders anfühlt. 

    in Stille essen

    Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass es durchaus einiges an Überwindung kosten kann, während des Essens in Stille zu verweilen, wobei ich mich nicht genau entscheiden kann, wann es schwieriger ist – wenn man alleine isst oder zu mehreren.

    Stille kann herausfordernd sein. Der Geist hat dann keine Ablenkung, und je untrainierter er ist, desto weniger gerne mag er solche Momente. 

    Allerdings ist es unbestreitbar so, dass das Essen sehr viel mehr wahrgenommen und genossen (geschmeckt, gefühlt, gesehen) werden kann, wenn man in Schweigen isst. In Klöstern wird dies übrigens häufig so praktiziert. 

    Ist euch die Praxis des In-Stille-Essens zu experimentell, mag es vielleicht lohnend erscheinen, während der Mahlzeiten zumindest Themen zu vermeiden, die allzu ernst sind und das Stresssystem aktivieren.  

    Die Sinne mit einbeziehen

    Achtsames Essen – das kann auch bedeuten, ganz bewusst alle Sinne einzubeziehen: den Duft der Speisen wahrzunehmen, die Texturen auf der Zunge zu spüren und die Farben der Zutaten zu bemerken. Diese Praktik hilft, die Beziehung zur Nahrung zu vertiefen. 

    achtsam essen - die Sinne trainieren

    Da ich leidenschaftlicher Teetrinker bin, weiß ich, dass man sich darin schulen kann, seine Sinne gezielt einzusetzen, so dass man mit der Zeit immer besser darin wird, verschiedene Geschmacksnuancen klar herauszufiltern. Das kann sogar richtig Freude machen! Genau so, als würde man einen guten Wein verkosten… 🙂

    Fürsorge und Dankbarkeit

    Nahrung ist übrigens oft mit Erinnerungen und Emotionen verbunden. Achtsames Essen schafft Raum, diese Verbindungen zu würdigen und das Essen nicht nur als Notwendigkeit, sondern als Akt der Fürsorge für sich selbst und andere zu betrachten. 

    Auch mit dem (gemeinsamen) Essen verbundene Rituale sind eine schöne Möglichkeit, das Bewusstsein für das zu schärfen, was man gerade tut, und vielleicht sogar mehr Dankbarkeit über das Vorhandensein der Nahrung an sich zum Entstehen zu bringen. Das Entzünden einer Kerze oder ein kurzes Innehalten vor der Nahrungsaufnahme seien hier als inspiratives Beispiel genannt. Vielleicht fallen euch ja noch andere schöne Dinge ein.  

    Ein buddhistisches Tischgebet

    Ich persönlich habe eine Affinität zum Buddhismus, und so empfinde ich zum Beispiel das Tischgebet, das mich der buddhistische Mönch Shi Miao Dao1 gelehrt hat, als große Bereicherung und Stütze, um innezuhalten, im gegenwärtigen Moment anzukommen und mich vor und während des Essens auf meine Grundsätze zu besinnen. Hier findest du das Tischgebet einmal auf Deutsch übersetzt (wir rezitieren es in der Regel auf Pali): 

    “In weiser Betrachtung will ich diese Speise zu mir nehmen, 
    nicht zum Spaß,  
    nicht wegen des guten Geschmacks, 
    nicht um dick zu werden,2
    nicht zur Verschönerung meines Körpers, 
    sondern einzig, um diesen Körper lebensfähig zu halten, 
    ohne dabei neue Begierden entstehen zu lassen oder mich zu überessen, 
    Auf diese Weise erhalte ich mich in tadelloser Weise und lebe ohne Not.” 3

    Diese Rezitation, die der Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren bereits seinen Mönchen empfohlen hat, spricht sicherlich nicht jeden an, und um sie in der Tiefe zu erklären, wäre wohl ein separater Blogbeitrag notwendig. Doch sie soll hier auch mehr als Beispiel dienen, wie die achtsamkeitsfördernden Routinen rund um die Nahrungsaufnahme aussehen können.  

    Letztendlich ist auch Achtsames Essen – oder zumindest der Weg dorthin – ein Prozess; etwas, das Zeit braucht und das man wollen und an das man sich ein bisschen gewöhnen muss, damit es verinnerlicht werden kann.

    Glück und Wertschätzung

    Ich weiß noch, wie befremdlich ich es zu Beginn fand, vor dem Essen die obige Rezitation zu sprechen. Ich hatte keinen Bezug dazu und obendrein Sorge, dass das Essen kalt wird, wenn ich auch noch Zeit mit innerer Sammlung verbringe – ich dachte bei mir, „Dankbarkeit ist gut, aber jetzt möchte ich erst einmal essen, bevor es kalt wird, und nicht noch lange kontemplieren!“.
    Heute hingegen fühlt es sich für mich fast ungewohnt an, wenn ich beispielsweise irgendwo zu Gast bin und dort sofort angefangen wird zu Essen, ohne einen kleinen Moment lang innezuhalten. Ich vermisse es dann regelrecht, kurz in innerer Zentriertheit und Dankbarkeit zu verweilen.

    Essen wertschätzen

    Denn schließlich ist die Nahrung, die auf meinem Teller liegt, durch so viele arbeitende Hände gegangen, hat Naturressourcen und anderer Menschen Mühe und Zeit gekostet, und sie nährt und stärkt mich. Obendrein empfinde ich es immer wieder als sehr besonders und berührend, dass ich so viel Glück habe, keinen Hunger leiden zu müssen. Allzu viele Menschen auf dieser Welt erleben täglich das Gegenteil.

    So könnte man wohl fortfahren. Dennoch möchte ich hier schließen, denn im Grunde genommen ist alles Wesentliche vermittelt. Vielleicht habt ihr ja den einen oder anderen Impuls mitnehmen und euer Bewusstsein für achtsames Essen schärfen können – das würde mich sehr freuen! 🙂 Teilt, wenn ihr mögt, in der Kommentarspalte auch gerne eure Erfahrungen mit mir.

    ♥, Meike


    1. Quelle: Shi Miao Dao: ”Erkenntnis durch Meditation der Liebenden-Güte”, Tredition Verlag 2023, S. 330 ↩︎
    2. Dick zu sein war zu Zeiten des Buddha ein Zeichen von Wohlstand und ein Statussymbol. ↩︎
    3. Quelle: Theragatha V. 983 ↩︎

    Bildquellen: neciodesalida auf Pixabay, Fanny Acuña auf Pixabay, Bild Mariya Muschard auf Pixabay, congerdesign auf Pixabay

  • Slow Food: das Kochen zelebrieren

    Slow Food: das Kochen zelebrieren

    Slow Food macht Freude! 🙂 Lasst uns das Bewusstsein dafür schärfen, wie wir die Zubereitung von Mahlzeiten nutzen können, um mehr Entschleunigung in den Alltag zu bringen.

    Kochen ist ein fundamentaler Bestandteil des Alltags; etwas, auf das wir in der Summe sogar einen verhältnismäßig großen Teil unserer Lebenszeit verwenden.

    Allzu oft passiert es jedoch in einer gewissen Eile und formt sich zu einem notwenigen To Do, zum Beispiel nach einem langen Arbeitstag. Das ist weder verwunderlich noch verwerflich; schließlich ist der Alltag der meisten Menschen selten so entspannt, dass sie am Ende noch die nötige Energie besitzen, voller Elan in die Küche zu eilen und freudig eine mehr oder minder aufwendige Mahlzeit zuzubereiten.

    Genau hier möchte ich mit dem Slow-Food-Gedanken einsetzen, in der Hoffnung, dir in diesem Blogartikel einige Anregungen geben zu können, so dass du vielleicht künftig den Spirit des Slow Living leichter auch auf das Kochen und die Nahrungszubereitung im Allgemeinen übertragen kannst.

    Slow Food – was ist das eigentlich?

    Wenn du ein wenig zur Entstehungsgeschichte dieser Bewegung erfahren möchtest, schau gerne in diesen Blogartikel. Dort erzähle ich von den Hintergründen.

    Slow Food bedeutet

    • achtsame Nahrungszubereitung
    • sich Zeit lassen
    • einfach und gleichzeitig gesund kochen
    • mehr Leichtigkeit ins Tun bringen
    • entspannende Faktoren nutzen
    • ethische Verantwortung wahrnehmen

    Slow Food lädt dazu ein, den bewussten Genuss von Nahrung mit ethischen Überlegungen zu verbinden; der Respekt vor der Natur und den Produzenten steht hierbei im Vordergrund.

    So bemühen sich viele Slow-Food-Begeisterte, möglichst nachhaltig zu konsumieren. Saisonale und lokal produzierte Lebensmittel werden präferiert – dies ist oftmals gesünder, reduziert den ökologischen Fußabdruck und stärkt nicht nur lokale Gemeinschaften, sondern auch das persönliche Bewusstsein für die Nahrung selbst. 

    Bei dem Spirit des Slow Food geht es weniger um eine völlige Neustrukturierung gewohnter zeitlicher Grundstrukturen als vielmehr darum, das Bewusstsein für den Moment und die Nahrungsmittel selbst zu schärfen.

    Einfach und gesund

    Zwar koche und backe ich grundsätzlich gerne, doch wenn ich eines nicht von mir behaupten kann, dann, dass ich jemand bin, der aufwendige Gerichte und lange Zutatenlisten liebt. Ich mag es am liebsten ganz simpel und gleichzeitig gesund. Und genau das ist für mich das Beste am Konzept des Slow Food: hier müssen sich Rezepte und Gerichte keineswegs aufwendig gestalten – im Gegenteil. Einfach, regional und nährstoffreich darf es sein. 

    italienische Küche

    Als Beispiel sei hier die italienische „Cucina Povera“, wörtlich übersetzt als „arme Küche“, erwähnt. Sie hat sich zu einer Art Vorbild für den Slow-Food-Gedanken entwickelt, da sie die Essenz von Einfachheit und Kreativität in der kulinarischen Tradition verkörpert. Inzwischen erfährt sie weltweit Beliebtheit. 

    Ursprünglich von ländlichen Gemeinschaften entwickelt, steht die Cucina Povera für die Kunst, mit begrenzten Zutaten nahrhafte und schmackhafte Gerichte zu zaubern. Dabei werden lokale und saisonale Produkte verwendet, was nicht nur die Authentizität der Gerichte bewahrt, sondern auch deren Nachhaltigkeit fördert. Für die Slow-Food-Bewegung dient die Cucina Povera vor allem deshalb als Vorbild, weil sie die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kultur respektiert. Sie zeigt, wie man aus wenigen Zutaten gesunde Gerichte mit Geschmack schaffen kann.1

    Apropos Italien…

    Um vielleicht die Lust am Kochen überhaupt erst einmal zu wecken, kann es ein schöner Anreiz sein, sich internationale Kochtraditionen anzuschauen und Gerichte mit ungewöhnlichen, aber in Bezug auf die Menge überschaubaren Zutaten auszuprobieren. Italienisch, indisch oder typisch skandinavisch – die Vielfalt ist groß und man lernt neue Produkte, Kombinationen und Arten der Zubereitung kennen.  

    Ich persönlich liebe die indische Küche, die oftmals eher einfach ist. Sicher, man braucht ein paar Grundzutaten, allem voran Gewürze, aber hat man diese erst einmal vorrätig, kann man ziemlich schnell kreativ werden. Eines meiner schnellen Lieblingsgerichte aus der indischen Küche ist zum Beispiel “Dhal”. Es besteht aus roten Linsen, die sehr gesund sind und dessen Kochzeit nur ungefähr zehn Minuten beträgt. Dazu wird traditionell dünnes Fladenbrot oder Reis gereicht. Hier findest du ein gutes Rezept für Dhal.

    Für viele spielt beim Slow Food auch die Wahrung von kulturellem Erbe und Traditionen eine Rolle. Alte Anbaumethoden und Rezepte der Großmutter wieder neu zu entdecken oder sich mit der Nahrung unserer Ahnen zu befassen, kann unglaublich freudvoll sein und dazu motivieren, der Nahrung und ihrer Zubereitung wieder mehr Wert beizumessen. 

    Geselligkeit vs. Stille

    Auch das gemeinsame Zubereiten von Mahlzeiten kann ein Anreiz und Motor für mehr Leichtigkeit sein. Sich mit Freunden zum Kochen zu treffen, ist für viele ein Highlight, und in der Regel geht es dann auch weniger um das Ergebnis als um den Weg dorthin. Der Austausch bringt Kurzweil, das Zusammensein tut gut – und am Ende hat man auch noch etwas Leckeres gezaubert.

    Ebenso gibt es diejenigen, die das Zubereiten von Mahlzeiten in Stille und Einsamkeit bevorzugen, weil sie auf diese Weise, fast wie bei einer Meditation oder dem Vollziehen eines Rituals, Stress abbauen und den Alltag entschleunigen können. 

    Tatsächlich gehöre ich zu der zweiten Kategorie: ich koche nicht gerne in Gemeinschaft und ziehe aus dem Verrichten einfacher Tätigkeiten in Schweigen und Achtsamkeit sehr viel Kraft.

    Slow Food: Achtsam Kochen

    Vielleicht habt ihr schon einmal eines dieser Koch-Videos auf YouTube, etc. gesehen, in denen keine Musik im Hintergrund läuft und das Mikro ganz dicht an die zu verarbeitenden Lebensmittel gelegt wird, wodurch zum Beispiel das Schneiden einer Zwiebel viel lauter erscheint als es tatsächlich ist. Somit rückt dieses Geräusch, das normalerweise eher ein Beiprodukt ist, ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

    So ähnlich kann man den Wahrnehmungszustand beschreiben, wenn ich in Stille und mit sehr klarem Geist einfache Tätigkeiten verrichte. Dinge (z.B. Geräusche), die im normalen Alltagstrott kaum wahrgenommen werden, bekommen den Raum, bewusst erfahren zu werden.

    Kinder mit einbeziehen

    Ebenso kann man Kinder in den Akt der Nahrungszubereitung einbinden – und dadurch selbst Entschleunigung erfahren. Die Kinder am Schaffensprozess in der Küche teilhaben zu lassen ist außerdem eine ganz wunderbare Möglichkeit, ihnen eine gewisse Wertschätzung für Lebensmittel, grundlegende Kochfähigkeiten, Selbstvertrauen und vor allem Spaß an der Zubereitung zu vermitteln. 

    Slow Food: Kochen mit Kindern

    Durch spielerische Elemente wie zum Beispiel bunte Utensilien oder thematische Rezepte (Pizza in Tierform oder Obstspieße mit Regenbogenfarben, etc.) oder das Integrieren eines Geschmackstest (neue Zutaten schmecken und beschreiben) bringst du Leichtigkeit in den Prozess der Zubereitung – und das ganz bestimmt nicht nur für die Kleinen.  

    Kinder fühlen sich übrigens stärker eingebunden, wenn sie mitentscheiden dürfen: 

    • Lasse die Kleinen einige Gerichte auswählen oder Zutaten im Supermarkt mit aussuchen. 
    • Plant gemeinsam ein „Familienmenü“, bei dem jeder seinen Lieblingsgang einbringt. 
    • Besucht gemeinsam einen Bauernmarkt, um lokale Lebensmittel kennenzulernen – eine wunderbare Möglichkeit für Entschleunigung! 

    Zeitfenster nutzen

    Auch wenn man sich noch so sehr darum bemüht, wird sich achtsames Kochen nicht immer umsetzen lassen. Wie eingangs bereits erwähnt, ist man manchmal einfach zu müde, oder es fehlt schlichtweg die Zeit. Und das ist ja auch ganz normal – das Leben verläuft nicht linear.

    Was hier helfen kann ist, Tage zu nutzen, an denen der Raum zum entspannten Kochen gegeben ist, und dann gleich größere Mengen zuzubereiten, von denen man anschließend einen Teil einfriert. Das hat sich in unserer Küche zumindest als ein echter Entschleunigungsfaktor erwiesen: Wenn mal wenig Zeit da ist, hat man immer etwas vorrätig – gesunde und mit Liebe gekochte Fertiggerichte sozusagen. 🙂

    Die wichtigste Zutat: Liebe

    Apropos Liebe… Überhaupt spielt das Maß an Liebe, Hingabe und Ruhe, die wir bei der Zubereitung an den Tag legen, keine unwichtige Rolle. Ich glaube unbedingt, dass Nahrung, die mit Liebe und in Gelassenheit kreiert wird, sehr viel bekömmlicher ist als solche, die in Eile, Hektik oder ohne jeden persönlichen Bezug (Imbiss, etc.) zubereitet wurde.

    Kochen mit Liebe

    Letztendlich ist es immer wieder die innere Einstellung, die entscheidend ist. Es braucht den unbedingten Willen, die Benefits einer entschleunigten Lebensweise zu erfahren und eine bewusste Entscheidung für Achtsamkeit, Langsamkeit, Aufmerksamkeit und Einfachheit – eben für das ganz persönliche Wohlergehen.

    Das hat auch mit Wert, Selbstwahrnehmung und einer liebevollen Grundeinstellung zu tun: „Ich bin es mir wert, meinen Speisen die Zutat der Liebe hinzuzufügen“ – das halte ich für einen gut formulierten Grundsatz. Meiner Empfindung nach lohnt es sich unbedingt, sich aufzumachen und herauszufinden, wie wir es schaffen, wirklich und zu hundert Prozent an diese Überzeugung zu glauben und sie zu leben.

    Ein Prozess, der Zeit braucht

    Das Zubereiten von Mahlzeiten kann also tatsächlich zu einem Akt der Entspannung heranreifen, wenn wir willens sind, zu lernen, wie man diese Alltagstätigkeit entschleunigt. Das ist, wie fast alles, ein Prozess, der ein wenig Zeit und Übung braucht.

    Menschen, die schon immer Freude am Kochen hatten, wird es sicherlich leichter fallen als jenen, die Nahrung eher deshalb zubereiten, weil dessen Aufnahme eben zwingend notwendig ist. Wir sind alle verschieden, und wohl niemand von denen, die zuvor nicht mindestens eine Affinität verspürt haben, wird zum Slow-Food-Meisterkoch, nur weil es Teil der Slow-Living-Bewegung ist – und das ist auch vollkommen in Ordnung.

    Je mehr man sich insgesamt mit einer entschleunigten Lebensweise und gesunder bzw. nachhaltiger Ernährung beschäftigt, desto mehr bekommt man ohnehin ein Gespür dafür, was “Fast” ist und was “Slow” – und vor allem, was uns als Individuum gut tut.

    Slow Food berührt die Seele

    Wie alle Blogbeiträge dient auch dieser in erster Linie dazu, das Bewusstsein schärfen. – In diesem eben Fall dafür, dass auch das Thema Nahrungszubereitung und -genuss ein Bereich ist, in dem man ein langsameres, achtsameres und somit freudvolleres Leben realisieren kann. 

    Slow Food berührt die Seele, es hat Seele – im Gegensatz zu Fast Food.

    Ich wünsche dir viel Freude bei deiner Slow-Food-Entdeckungsreise! 🙂


    1. Hier findest du einige schöne Gerichte zur Cucina Povera: https://authentisch-italienisch-kochen.de/sw-cucina-povera/ ↩︎

  • Die Entstehung des „Slow Living“

    Die Entstehung des „Slow Living“

    Erfahre hier einige interessante Facts zur Entstehung der Slow-Living-Philosophie: von den Anfängen der Bewegung über ihre Entwicklung bis hin zu prägenden Persönlichkeiten.

    ***

    Bereits seit über dreißig Jahren begegnet uns die Idee des Slow Living  – oder sagen wir, seitdem haben wir einen Begriff für etwas, das eigentlich doch ganz natürlich sein sollte; etwas, das einige Menschen schon immer präferiert haben, einfach weil sie spüren, dass es gesünder und erfüllender ist, das Leben in einem angenehmen Tempo zu gestalten.

    Dennoch ist es nicht sehr verwunderlich, dass sich in unserer industrialisierten, hochtechnologisierten Welt eigens ein Begriff für diese entschleunigte Lebensart gebildet hat. Denn wo etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, entsteht die Notwendigkeit für einen Gegenpol. 

    Slow Food als Gegenpol zu Fast Food

    Und so kam es, dass im Jahre 1986 ein Italiener namens Carlo Petrini1 ein “Slow Food”-Restaurant eröffnete – direkt gegenüber einer ebenfalls neu eröffneten Filiale des Fast-Food-Riesen Mc Donald’s. Die Kette hatte sich neben der Spanischen Treppe in Rom niedergelassen, einer der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Italiens aus dem 18. Jahrhundert. Dies führte zu Unmut in der Bevölkerung; es bildeten sich sogar Protestbewegungen.

    Spanische Treppe Rom
    Die Spanische Treppe in Rom

    Die Eröffnung von Petrinis Slow-Food-Lokal war Teil dieser Gegenbewegung und richtete sich gegen die Schnelllebigkeit und Uniformität der modernen Konsumgesellschaft.

    Die Ausweitung der Bewegung

    Heute hat die Slow-Food-Bewegung Anhänger in über 160 Ländern und geht weit über das Thema Ernährung hinaus: Petrinis Ansatz wurde schnell auf andere Lebensbereiche übertragen. Dies führte schließlich zur Entstehung der Slow-Living-Bewegung, wie wir sie heute kennen. Sie erwuchs, so könnte man sagen, aus der Bewusstwerdung, dass viele Menschen nicht nur ihre Beziehung zum Essen, sondern auch zur Zeit, zu ihrer Arbeit und zu sich selbst verloren hatten.

    Von Italien aus verbreitete sich die Idee anschließend in Europa und darüber hinaus, begleitet und unterstützt von einem ohnehin wachsenden Interesse an Themen wie Work-Life-Balance und Nachhaltigkeit.  

    Prägende Persönlichkeiten

    Von wissenschaftlich-intellektueller Seite geprägt wurde die Bewegung beispielsweise von dem österreichischen Schriftsteller und Philosophen Ivan Illich. Seine Ideen, insbesondere aus Werken wie „Tools for Conviviality“ (1973) und „Deschooling Society“ (1971), legten bereits vor der Entstehung von Slow Living als Definition eine intellektuelle Grundlage für viele der Werte und Praktiken, die diese Lebensart ausmachen.

    Auch die Degrowth-Bewegung (im deutschsprachigen Raum unter “Postwachstumsbewegung” bekannt) trug ihren Teil zur Formung des Geistes dieser Lebensart bei. 

    Degrowth Bewegung
    Demonstration in Leipzig – degrowth.org

    Ebenfalls eine Rolle in der Entstehungsgeschichte spielt sicherlich auch der Soziologe Hartmut Rosa, der den Begriff „Beschleunigungsgesellschaft“2 prägte und damit vereinfacht gesagt einen ungesunden, durch technologische Innovation und wirtschaftliche Zwänge begünstigten Lebensrhythmus beschrieb.

    Eine Philosophie der Entschleunigung

    Ivan Illich, Hartmut Rosa – und mit ihnen noch viele weitere bekannte und weniger bekannte Akteure – waren also auf die eine oder andere Weise an der Entstehung des „Slow Living“ beteiligt, manchmal ganz bewusst, manchmal vielleicht eher unbeabsichtigt.

    Gemeinsam mit unzähligen Menschen, die sich jeden Tag wieder neu für Achtsamkeit, bewusste Langsamkeit und Simplizität entscheiden, haben sie ihren Beitrag geleistet, der Entwicklung von „Schneller, Höher, Weiter“ eine Philosophie der Entschleunigung entgegenzusetzen. 

    Slow Living

    Würde man mich fragen, ob die Entstehung von Slow Living als Begriff und Lebensphilosophie letztendlich die Kraft hat, sich in noch größerem Maße durchzusetzen, müsste ich sagen: Ich bin nicht allzu optimistisch.

    Sicher ist jedoch, dass diese schöne und heilsame Lebensart bereits jetzt viele Menschen in ihrer Entwicklung bereichert und erleichtert hat – und das ist ein unglaublich großer Gewinn.


    1. Weiterführende Informationen zu Carlo Petrini und seiner Bewegung finden sich unter www.slowfood.com ↩︎
    2. Hartmut Rosa, „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“, Suhrkamp, 2005 ↩︎

    Quelle Fotografie Degrowth-Demo: Von danyonited, Klimagerechtigkeit Leipzig – leipzig.degrowth.org/de/downloads/, leipzig.degrowth.org/wp-content/uploads/2013/12/Demonstration-Genug-ist-genug-f%C3%BCr-alle-Fotos-Klimagerechtigkeit-Leipzig.zip, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35589296

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